3 comments on “Die digitale Hochschule?

  1. Während Dein zweiter Punkt sowohl für Digitalisierung als auch direkte Interaktion spricht, möchte ich kurz zum 1. Punkt (digitale Ungleichheit) etwas sagen, gern auch direkt: #Bullshit. Ich möchte noch vorweg schicken, dass ich die „entweder-oder-Keule“ nicht schwinge, d.h. ich spreche nicht von „vollständiger Digitalisierung“ (was auch immer das sein soll) oder „kompletter Analogisierung“ (gut, das hatten wir vor 100 Jahren).

    Du sprichst bei der „digitalen Ungleichheit“ 2 Aspekte an: digitale Unerfahrenheit und ungleich ausgebaute digitale Infrastruktur insb. Internet. Ersteres ist kein Argument gegen die Digitalisierung. Das merkt man schnell, wenn man den Umgang mit digitalen Geräten und Prozessen durch Mathematik- oder Sprach-„Know How“ ersetzt: hier kommt jeder mit anderen Voraussetzungen an die Hochschule und nicht jeder hat die gleichen Möglichkeiten, eventuelle Defizite aufzuholen. Dennoch würden wir nicht versuchen, ein mathematik- oder sprachfreies Studium zu ermöglichen.

    Der zweite Punkt, nämlich dass der Zugang zu digitalisierten Angeboten insb. in Gebieten mit fehlender Internetabdeckung zu einer Ungleichheit führen würde, suggeriert ja, dass in diesen Gegenden aktuell flächendeckend ein Zugang zur Hochschulinfrastruktur möglich ist. Aber steht denn im Dorf ohne Internet auch eine Hochschule? Nein (außer in Tharandt 😉 ), dafür muss ich auch „in die Stadt“ fahren oder dorthin umziehen. Diese infrastrukturellen Nachteile werden durch digitalisierte Prozesse nicht größer, sondern kleiner: man kann Nachts auf Skripte zugreifen, man muss nicht in die Blbliothek fahren um einen Artikel zu lesen, man kann Professoren und Mitarbeiter auch außerhalb von Sprechstunden kontaktieren, man kann Koryphäen online hören und parallel in den Studien nachlesen, die in den Vorträgen erwähnt werden… und das ist erst der Anfang.

    Es gibt viele gute Argumente für gemeinsames Studieren in Präsenz, der „Digital Devide“ gehört aber immer weniger dazu. KIM- und JIM-Studien zeigen die steigende Verbreitung von Devices und Internetzugang. Gegenüber der analogen Lerninfrastruktur sind die Kosten hierfür auch gering. Statt hier eventuelle Ungleichheiten vorzuschieben sollten diese dort, wo sie bestehen, beseitigt werden. Ich will auch auf einer Fahrt durch Brandenburg arbeiten können…

  2. Ich würde es begrüßen wenn die Hochschulen mehr digitale Ressourcen anbieten. bei einer „kompletten Digitalisierung“ denke ich an Hochschulen die nicht mehr durch ein Gebäude präsent sind. Jegliche Lernmaterialien befinden sich auf Servern, Vorlesungen werden hochgeladen und online zur verfügung gestellt. Gruppenarbeiten, Gespräche mit Dozenten finden ausschliesslich online in Chats statt.
    Eine solche Hochschule existiert nur online.
    Gut vergleichbar mit einem Fernstudium, jedoch nur besser ausgebaut mit persölnlichen virtuellen Kontakten zu Dozenten und Studierenden. Eine solche Hochschule profitiert davon, dass Studierende nicht mehr in die nähe einer Hochschule ziehen müssten sondern ihr Studium von „zu Hause“ absolvieren könnten.

    Eine weitere Gefahr in solchen digitalisierten Prozessen sehe ich leider auch in aufgezeichneten Vorlesungen. Die Gefahr das die Individualität einer Vorlesung, in der Doziernde mit Studierende auch mal ein wissenschaftliches Thema diskutuieren könnten, verwindet, ist m. E. gegeben. Nehme wir zum Beispiel die aufgezeichnete Vorlesung. Dozierende würden ihre Vorlesung aufzeichnen, damit Studierende sie sich später online ansehen können. Nach und nach könnte es passieren, dass immer mehr Studierende diesen Service in anspruchnehmen und kaum noch Studierende die Vorlesung besuchen. Was zur Folgen haben könnte, dass Dozierende nicht mehr jede Vorlesung in ihrer Individualität aufzeichnen, sondern einen Beitrag über ein bestimmtes Thema gestallten und diesen Beitrag für die nächsten Jahre zur Verfügung stellen. In vielen Studiengängen ist ein Thema nicht zu diskutieren, wie zum Beispiel eine Gleichung. Doch in vielen Stdiengängen (Geisteswissenschaften, Forschung) lebt eine Vorlesung und auch die Qualität dieser von der belebten Diskussion zwischen Studierenden und Dozierenden.
    Bei einem „Fetsen“ immer wiederkehrenden Beiträg wäre diese belegte Vorlesung nicht mehr Bestandteil der Lehre, da alle Studierenden die gleiche Vortlesung betrachten.
    Bei Disskusions Bedarf könnte natürlich der Studierende den Dozierenden in einem Chat wiederum anschreiben, auf den natürlich alle Studieren Zugriff hätten, um an der Disskusion Teilhaben zu können. Das setzt jedoch eine Bereitschaft der Dozierenden voraus diesen Chat auch zu betreuen.
    Zur Zeit denke ich wird diese Bereitschaft nur von wenigen geleistet und man muss sich im Rahmen der Digitalisierung die Frage der Anstellung von Dozierenden stellen. Haben Dozierden feste Arbeitszeiten? Ist ein solcher online Chat dann nur zu bestimmten Zeiten von Dozierenden betreut? Haben vielleicht Dozierende auch nur eine Pauschale? Wie kann man Dozierende über ihren Leistungsbezug hinaus animieren eine solche Arbeit zu tätigen, die nach Arbeitszeitrichtlinen schwer vertraglich zu halten wäre.
    Kommen dann noch Dozierende in Frage, die neben ihrer Lehre an Hochschulen eine festen Job haben und sich aktuell nur die Zeit für eine Vorlesung nehmen können? Die jedoch sehr viel Praxis und Berufserfahrung in ihre Vorlesungen mit einbinden können.

    Gedanken über mehr digitalisierung sind so komplex, dass sie nicht in einem Blog, einem Kommentar gefasst werden können.
    Ich würde mich freuen wenn Hochschule zu mehr digitalisierung bereit wären. Den Prozess eines festen Systems einer Hochschule umzubauen erfordert jedoch eine hohe Flexibilität und in einem Funktionssystem Hochschule in ihrer ganzen Individualität viel Zeit.

    Ich denke, dass der Prozess der Digitalisierung vorangeht und sich weiter, auch an Hochschulen etabliert, jedoch deutlich langsamer geht als die digitalen Möglichkeiten. Unser Wunsch nach mehr Digitalisierung, mehr Flexibilität wird derzeit noch von Strukturen und Prozessen gebremst, die es zu verändern gilt. Diese Veränderung benötigt jedoch mehr Zeit als die Entwicklung der digitalen Möglichkeiten.
    Dieses Phänomen könnte man am besten mit der Psychologie erklären. Das Umstellen eines Individuums auf neue Prozesse, Herrausforderungen ist ein komplexer Vorgang. Das Gehirn hat medizinisch betrachtet einen Schutzmechanismus, der eine „Überlastung“ verhindern soll. in diesem Schutzmechanismus sind Prozesse gespeichert, die es dauerhaft zu wiederholen gilt, bei bestimmten Triggern.
    Sollten sich diese Prozesse ändern, müssen sich auch die Trigger und Synapsenwege ändern. Ein Prozess der Zeit und ständige Wiederholungen benötigt.

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